„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“
(Karl Valentin)
30 Jahre Galerien in Freiburg


Mitte der 1970er Jahre steht der kunstbegeisterte Student voller Erwartung vor dem Haus, in dem es u. a. Werke von Emil Schumacher geben solle; der nette Gärtner im Vorgarten bestätigt, dass Herr Schiessel hier wohne und verschwindet durch den Seiteneingang, um Bescheid zu geben. Dem Studenten wird es bei dieser Rezeption etwas bange, er kann ja nichts kaufen, will nur zum Schauen kommen. Die Tür öffnet sich, der freundliche Gärtner steht wieder vor ihm, dieses Mal im Jackett, flüchtig gekämmt und stellt sich als Herr Schiessel vor! Danach geduldiges Zeigen und Erklären der Werke durch den Hausherrn, kein Ansinnen, das eher kunsthistorisch geprägte Reden zu einem Verkaufsgespräch umzuwandeln. Beglückter Abmarsch des Studis mit einer kleinen – geschenkten – Broschüre! Ein erfreuliches Beispiel von Galeriearbeit: Jede Ausstellung ist zunächst ein Angebot zum Sehen, zum Gespräch, eine Information grundsätzlicher Art; wenn es dann später auch noch zu einem Verkauf kommt – wunderbar.

Beflügelt übernahm der Student zusammen mit Freunden 1976 die damalige Galerie Holeczek in der Altstadt. Da dies völlig überraschend und ohne große Vorbereitung geschah, musste er sich zwangsläufig schnell informieren und im Learning-by-Doing selbst ausbilden: Was ist eine Galerie, wie funktioniert sie, wie kommt man an die richtigen Künstler und wie kann man deren Werke so ausstellen, dass genügend Besucher kommen und vor allem auch solche, die etwas kaufen, damit der Betrieb überhaupt unterhalten werden kann?

1980 initiierte dann der Junggalerist Albert Baumgarten die Gründung der „Interessengemeinschaft Freiburger Galerien (IFG)“. Zur Gründung trafen sich bei ihm die damaligen Galeristen Wolfgang Eberwein, Michael Kaiser, Frieder Kost, Dr. Luise Krohn, Rolf Kröner, Wolfgang Günther, Dr. Gustav Schneider, Uwe Wolff sowie Helena Vetter vom Kunstverein Freiburg, Franz A. Morat vom Morat-Institut und Dr. Jochen Ludwig vom Augustinermuseum. Die Bezeichnung „Galerien“ schloss von Anfang an alle Vermittler von zeitgenössischer Kunst ein. Man wollte gemeinsam werben und der aktuellen Kunst eine Plattform geben. Hierzu wurde sogleich ein Programm-Leporello veröffentlicht, welches im Zwei-Monate-Rhythmus erschien, dazu eine Broschüre, welche die Konzepte sämtlicher Ausstellungshäuser vorstellte. Der Student konnte auf diese Weise einiges dazu lernen und gleichzeitig durch seine Ideen die etwas verkrustete „Kunstszene“ aufbrechen; neben den unregelmäßigen Gesprächen untereinander initiierte er vor allem verschiedene gemeinsame Aktionen, die in Absprache mit Dr. Ludwig Krapf, dem umtriebigen Leiter des Freiburger Kulturamts, konzipiert wurden: Die IFG erhielt so für ihr Konzept der Landeskunstwochen 1983 vom Kultus­ministerium den Zuschlag mit der Ausstellung „Querschnitt 83“ – die im Schwarzen Kloster sowie im Innenhof der Alten Universität stattfand und mit mehr als 8000 Besuchern damals so etwas wie einen Rekord für Freiburg aufstellte. „Die gebremste Phantasie der öffentlichen Kunstvermittler haben die privaten geschickt genützt … sie haben aus ihren Galerie­programmen eine sorgsam abgestimmte Auswahl getroffen und dann daraus eine seltenes Sehvergnügen gebaut. Die Inszenierung setzt Maßstäbe in Freiburg.“ (Hans-Joachim Müller, Badische Zeitung vom 13.6.1983).
1985 folgte dann in Kooperation mit dem Senator für Kultur in Berlin die Ausstellung „15 / 15 – Kunst aus Berlin in Freiburg“ d. h., man zeigte an 15 verschiedenen Ausstellungsorten die folgenden 15 Künstler aus Berlin: Galli (Galerie Baumgarten), Hans Kuhn (Galerie Eberwein), Paul Pfarr (Galerie Kaiser), Ulrich Fleig (Keramik-Galerie), Helmut Middendorf (Galerie Limmer), Max Neumann (Galerie pro arte), Laszlo Lakner (Galerie 7), Luis Caballero (Galerie Ruta Correa), Thomas Werner (Annette Gmeiner), Manfred Schling (Galerie Losch), Walter Stöhrer (Galerie Regio), Richard Hess (Galerie in der Remise), Peter Sorge (BBK-Werkstatt), Peter Chevalier (Kunstverein), Elvira Bach (Augustinermuseum).

1987 gab es mit „Begegnung mit den Niederlanden“ eine spannende Ko­operation mit dem Kulturattaché der niederländischen Botschaft in Bonn, in der neun bedeutende niederländische Künstler vorgestellt wurden: Pat Andrea (Galerie Ruta Correa), Karel Appel (Galerie Schneider), Armando (Kunstverein), Han Bierman (BBK-Werkstatt), Bram Bogart (Galerie Baumgarten), Marinus van Dijke (Galerie pro arte), Martin Engelman (Galerie Regio), André van Lier (Galerie G), Ton Mars (Annette Gmeiner).

1989 bildete die Ausstellung „Szene Schweiz“ in Kooperation mit Pro Helvetia einen vorläufigen Abschluss dieser teilweise sehr aufwendigen Veranstaltungen; bei dieser speziellen Ausstellung luden fünf Galerien fünf Schweizer Künstler ein und überließen diesen wiederum die Wahl eines/einer weiteren Künstler/-in als Co-Aussteller: Corsin Fontana + PI-RO Autenheimer (Galerie Baumgarten), Jean Pfaff + Christoph Brandner (Galerie G), Paul Suter + Daniel Gaemperle (Galerie Regio), Josef Felix Müller + Monika Sennhauser (Galerie Schneider) sowie Louis Soutter (Galerie Limmer). Zu allen aufgeführten Aktionen erschien jeweils eine ansprechende Publikation.

Zum elfjährigen Jubiläum der IFG wurde 1991 eine bemerkenswerte Grafik­kassette zu einem günstigen Preis ediert: Galerie Baumgarten mit Artur Stoll, Galerie Ruta Correa mit Antonio Segui, Galerie G mit Georg Frietzsche, Galerie pro arte mit Karl Bohrmann, Galerie Regio mit Jürgen Brodwolf, Galerie Elisabeth Schneider mit Peter Stobbe sowie das Morat-Institut mit Franz Bernhard –  einige wenige Kassetten sind noch erhältlich!
Vom 5. bis 8. Juni 1997 fand eine Mini-Präsentation der IFG in den neuen Räumen der Industrie- und Handelskammer statt, die der Leitung des Hauses in Erinnerung brachte, dass die beteiligten Galerien auch Mitglieder der IHK sind. Beteiligt waren die Galerien Baumgarten, Blau, Correa, G, Kost, Dr. Krohn, pro arte, Regio sowie E-Werk, Künstlerwerkstatt Mehlwaage, Kunstraum Alter Wiehrebahnhof, die Kunstvereine Freiburg und Kirchzarten, das Morat-Institut, das Museum für Neue Kunst, die Elisabeth Schneider-Stiftung sowie die Städtische Galerie „Schwarzes Kloster“.

In der Zwischenzeit musste Albert Baumgarten als „Motor“ des Ganzen nicht nur sein Examen machen, sondern sich auch mehr um die eigenen Galeriebelange kümmern, d. h., es gab für ihn immer wieder vorübergehende Ablösungen in der Sprecherrolle durch Dieter Weidner, Ingo Flothen, Dr. Gudrun Selz, Ludger Kreilos, Helmut Albert, Martine Chantrel und ab 2011 Kathrin Gut. Martin Wörn betreute einige Zeit das Leporello und löste damit Ruta Correa ab, die diese oft mühsame Redaktionsarbeit über mehr als 15 Jahre erfolgreich gestaltete; inzwischen betreut Anja Kniebühler die redaktionelle und grafische Gestaltung. Dieses Leporello wurde zwar immer wieder einmal grafisch überarbeitet, es blieb jedoch als Printmedium eine Grundkonstante der gemeinsamen Werbung; seit den 1990er Jahren erfolgte dann eine Ausweitung der Informationen durch das Internet (www.kunst-in-freiburg.de).

Gleichzeitig wurden neue „Formate“ geschaffen: seit 1999 die an allen Kunstorten stattfindende „nocturne“, quasi ein gemeinsamer Start zum Saisonbeginn im September, die seit 2001 in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Freiburg innerhalb der Veranstaltung „Münstersommer“ stattfindet. Ebenfalls großen Anklang findet seit 2001 „offen für kunst“, ein jeweils im ersten Quartal des Jahres gemeinsam veranstalteter offener Sonntagnachmittag.

1998 schlug Albert Baumgarten Dr. Stephan Berg, dem damaligen Leiter des KV Freiburg, eine gemeinsame Präsentation der Galerien in den Räumen des Kunstvereins vor, was dieser gerne aufnahm. Der Titel „DASSOLLKUNSTSEIN“ signalisierte ohne Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen die Offenheit eines Projektes, in dem Freiburger Galerien für einige Tage Gast im Kunstverein innerhalb einer gemeinsam konzipierten Ausstellung sind. Es wurde von Anfang an vermieden, einzelne Kojen zu bauen; ganz bewusst stand bei aller Gegensätzlichkeit der einzelnen Galerie-Programme die Idee einer offenen, d. h. aufeinander abgestimmten Ausstellung im Vordergrund, aber auch die Möglichkeit, Projekte zeigen zu können, die z. B. aus Raumgründen in den Galerien nicht möglich sind. Zum Konzept gehört außerdem, daß die beteiligten Galerien während dieser Tage die Ausstellung selbst betreuen und den Besuchern Rede und Antwort stehen.

DASSOLLKUNSTSEIN
VOL.1 fand im November 1999 statt. Redner waren Otto Jägersberg und Dr. Stephan Berg. Als Galerien und Künstler waren beteiligt: Baumgarten (Hsiang-Fa Tsao + Herbert Wentscher), Blau (Guiseppe Ascensione + Kunstflug), Correa (Octavio Blasi + Cristina Schiavi), G (Ulrich Langenbach), Dr. Krohn (Norbert Radermacher + Antonio Scaccabarozzi), pro arte (Hans Karl).
„Das soll Kunst sein! Eine Augenweide: Freiburger Galerientage im Kunstverein ... kein Basar, sondern ein Beispiel für die Arbeit, die Galerien nicht anders als Kunstvereine leisten: die Vermittlung heutiger Kunst. Ein zähes Werk … Sorgfältig aus­balancierte Gegensätze machen sie zu einer wahren Augenweide.“ So die Badische Zeitung am 18.11.1999.
Aber nicht nur die Presse war angetan, sondern auch die 650 Besucher, welche die nur vier Tage dauernde Ausstellung besuchten, sodass man beschloss, dies im kommenden Jahr zu wiederholen. Inzwischen hat diese Veranstaltung schon zum achten Mal mit unterschiedlichen Besetzungen stattgefunden: VOL.2 im Oktober 2000. Galerien: Baumgarten (Peter Vogel + Rob de Vry), Blau (TASS + Pascal H. Poirot), Correa (Marcos Coelho Benjamin + Karina El Azem), G (Hans-Bernhard Becker), Dr. Krohn (Heiner Thiel), Malakoff (Jörg Kruse + Thomas Schump), pro arte (Max Neumann), Skulpturen-Kabinett (Carlotta Brunetti + Julia Lohmann). VOL.3 im November 2002, Begrüßung durch Dorothea Strauss. Galerien: Baumgarten (Milivoj Bijelic + Günter Reichenbach), Correa (Ruth Gurvich + Clemencia Labin), G (Carlos Matter), Dr. Krohn (Nikolaus Koliusis + Dieter Villinger), pro arte (Barbara C. Tucholsky), Skulpturenkabinett (Eimo Cremer + Andreas Eger). VOL.4 im Oktober2005, Begrüßung durch Felicity Lunn. Galerien: Baumgarten (Klaus Münch + Ana Luisa Ribeiro), Correa (Octavio Blasi + Juan M. Echevarria + Esteban Pastorino), Foth (Ruppe Kosselleck + Katja Stüke), G (Klaus Schneider), pro arte (Abi Shek + Anja Vollmer). VOL.5 im November 2006, Begrüßung durch Felicity Lunn. Galerien: Baumgarten (Stefan Hasslinger), Correa (Nandor Angstenberger), Foth (Hans Jörg Palm + Eva Rosenstiel), G (Esther Strub), Meier (Hanne van Heyden), pro arte (Sabine Neugebauer + Patricia Waller), konkret Wörn (Shizuko Yoshikawa). VOL.6 im November 2008, Begrüßung durch Felicity Lunn. Galerien: artopoi (Inge Dick), Baumgarten (Dirk Brömmel), G (Olga Allenstein), konkret Martin Wörn (Jo Niemeyer), Meier (Tatjana Leicht), pro arte (Mady Braun). VOL.7 im November 2009 Begrüßung durch Caroline Käding. Galerien: artopoi (Holger Walter), Baum­garten (Günther Holder), G (Ulrich Langenbach), konkret Martin Wörn (Jean-Pierre Viot), Meier (Ursula Jüngst), pro arte (Sheri Warshauer), Post Fine Arts (Jürgen Oschwald). VOL.8 im November 2010, Begrüßung durch Caroline Käding. Galerien: Baumgarten (Bea Emsbach), G (Barbara Armbruster), Meier (Jürgen Meyer-Isenmann), Post Fine Arts (Miron Schmückle), pro arte (Tatjana Busch).

Gerade in Zeiten knapper Kassen ist diese Kooperation zwischen privaten Vermittlern und dem Kunstverein ein öffentliches Bekenntnis von Solidarität und Ausdruck hoher gegenseitiger Wertschätzung.

2009 erfolgte dann die Umbenennung des Zusammenschlusses in „kunst-in-freiburg“ bzw. im Internet unter www.kunst-in-freiburg.de. Was heute neudeutsch als „Networking“ bezeichnet wird, wird hier bereits seit mehr als 30 Jahren ganz selbstverständlich praktiziert, und zweifellos hat sich Freiburg inzwischen auch als Kunststadt einen Namen gemacht: Sowohl die privaten Galerien – nicht zuletzt durch ihre Teilnahmen an internationalen Kunstmessen – als auch die verschiedenen Kunststiftungen wie das Morat-Institut für Kunst- und Kunstwissenschaft oder der Kunstraum Alexander Bürkle und die öffentlichen Ausstellungshäuser sorgen mit ihren qualitativ hochwertigen Programmen für ein Renommee, welches gerade von Kulturtouristen aus dem In- und Ausland hoch geschätzt wird – kaum eine andere Stadt in Deutschland von ähnlicher Größe kann dies bieten.Überzeugen Sie sich, Sie sind willkommen!

Den Stadtplan www.kunst-in-freiburg.de finden Sie im Buchumschlag.