Eigensinn.
Vier Freiburger Miniaturen.
BERLIN 1928. EINE STADT SO VOLL KUNST. Da kam einer aus dem Südwesten, um festzustellen, wie großartig Corinth und Kokoschka waren. So hätte er sein wollen und war es nicht. „Unfrei, feige, ängstlich“ findet sich Julius Bissier. In der „anderen wilden Art“ möchte er malen. Seine Notizen sind ein Selbstgericht. Aus der Haut möchte er fahren. Oder mindestens der „verschlafenen Atmosphäre“ seiner „Heimat“ entfliehen. „Ich bemerkte“, resümiert er die Berlinerfahrung, „wie sehr ich in der Provinz verkalkt bin.“ Mit seinem Groll kam Bissier nach Freiburg zurück. Blieb. Und blieb, der er war.
Er ging seinen eigenen Nebenweg. In Freiburg, wenn auch erst Jahre später, fing er mit den großartigen Tuschen an. In Hagnau am Bodensee (noch tiefer in der Provinz; die Nazis hatten ihn zum Vertriebenen gemacht) entstanden nach noch viel längeren Jahren die ersten „Miniaturen“. Späte Frucht des Eigensinns. Auf großer Bühne, inmitten einer sogenannten Szene hätte solches kaum eine Wachstumschance gehabt. Hat Bissier dafür Freiburg gebraucht? Wir sind es, die immer betonen, dass er Freiburger war. Fragen wir, wie wichtig ihm dies war? Ernst Grosse war ihm hier wichtig, der Sinologe, der ihm fernöstliches Denken vermittelte. Die Universität, die ihm die Anstellung gab, die ihm für ein paar Jahre das Leben sicherte. Ansonsten lag Freiburg weit genug weg – von allem, was nur störte. Oder einem den Kopf hätte verdrehen können.
FÜR EINEN ANDERN LAG DER NABEL DER WELT GANZ NAH BEI FREIBURG. Seine Arbeit begann Artur Stoll in den 1970er Jahren in Karlsruhe; sie führte ihn über Freiburg nach Norsingen zurück, wo er herkam. Die Welt war für ihn das große Fremde. Kunst, was er tat, um nicht verloren zu sein. Gesang eines Kindes im Dunklen.
In Karlsruhe hatte sich Stoll einen Ort geschaffen, eine eigene Welt von Objekten. Sich Körperschalen angepasst. Rebhölzer, Reisigbündel et cetera mit einer Haut aus Knochenleim und Schichten von Seidenpapier umhüllt. Tastbare Hauthüllen, eigentümlich lebendig muten sie an. Und dann war es die Malerei, die Norsingen und seine Kindheit für ihn zurückholen sollte: Das Verlorene wollte er malerisch gestisch und mit Unmengen Farbe zur Anwesenheit zwingen. Malerei als Magie. Im beschwörenden Ton ruft er die stummen Dinge auf. Alles soll unbedingt da sein. Das Werkzeug des Vaters, der Leiterwagen, der Hase im Stall, der Weinberg. Die Rückkehr nach Norsingen auf den geliebten Hof war unumgänglich. Einer wie Artur Stoll lässt sich nur in der Norsinger Eigenwelt denken.
DAFÜR KANN MAN SICH SUSI JUVAN ABER ÜBERALL VORSTELLEN. In einem Museum in Paris, am Kap der Guten Hoffnung, im Markgräflerland oder in der Villa Mitscherlich, Freiburger Münster im Hintergrund. Ja, früher kreiste sie noch um etwas, die Malerei dieser Malerin, übte das Festhalten und pochte auf Bedeutungssteigerung. Dann war es auf einmal vorbei mit Literatur und Symbolismus. Die Malerei war ein Fluss geworden. Liquide Metapher des Sehens. Ihr Bekenntnis zum Augensinn kennt keine Begriffe. Jedes Bild erscheint gänzlich unvorgefasst und mit dem Sichtbaren unvorhersehbar verbunden. Es will einem scheinen, es würde – und zwar jedes Mal wieder – Malerei in der Begegnung mit den Dingen neu erfunden. Immer taucht etwas gerade auf darin. Kein Bild ist je abgeschlossen. Ein Anfang immer, kein totengesichtiges Ende. Das Einzige, was sich reproduziert, ist Erstaunen. Das einmal geweckte Auge bleibt wach. Bildwirkung ist ein steter sanfter Sog. Selbst ein Grauton enthält ihn. Im Grau der Malerin ist unauflösbar der schöne Plural der Farben.
XBERND SEEGEBRECHT IST DA GEBOREN, WO ES BISSIER IM MOMENT DER KRISE HINZOG. Berlin sagt über Seegebrecht allerdings nicht viel, die vielen Jahrzehnte in Freiburg sagen kaum mehr. Die Stadt ist bei ihm anfangs, wie bei Susi Juvan, mit dem Namen Peter Dreher verbunden, dem Akademielehrer. Doch übersieht man nichts, wenn man sagt, dass sie ihm nachher eher wenig gegeben hat. Freiburg ist ein Ort für den Eigensinn so wenig wie jeder andere. Bernd Seegebrecht hat ihn, den Eigensinn, und ging nicht. Wo soll man auch hin? Nach Berlin oder rheinabwärts?
Steine gibt es auch hier im Schwarzwald. Und lange hat er seine Bilder auf dem Motiv der Steine aufgebaut. Sie waren naheliegend und ließen die unterschiedlichsten Folgerungen zu. Auf der Basis der Steine wuchsen Bilder zu schweren Farbobjekten an. Verwandelten sich zu Zellengebilden. Fassten in der forcierten Nahsicht die Idee der Landschaft neu. Wechselten im permanenten Überdenken der Strukturen, unmerklich fast, vom Abbild in den imaginären Raum. Danach gelang der Sprung in die Fantastik traumhaft sicher. Der Anlass dafür lag wieder sozusagen auf der Hand.Seegebrecht wertete nun Illustrationen aus, wie sie ihm die alltägliche Zeitung ins Haus bringt. Sportnachrichten und so weiter. Man wird kaum darauf kommen, wenn man es nicht weiß. Aber wenn man Zeichner und Maler ist und Seegebrecht heißt, wird man in der ja allzu leicht löslichen Materie der Nachrichten den Eigensinn der Bilder finden, ihn binden, Bildschlüsse ziehen wollen.

