Das Freiburger Theater
thront


Aber nur ein bisschen. Von seinem kleinen Feldherrenhügel aus grüßt es zur Universität vis-à-vis und zur Stadt herüber. Das kann man auch symbolisch werten: Kultur und Wissenschaft in inniger Nachbarschaft in einer Stadt, die ihr Selbstverständnis nicht aus der Industrieproduktion gewinnt. Sein mächtiges Gebäude ist Stein gewordener Bürgerstolz. Über einen Zuschauerraum mit 900 Plätzen verfügen in Deutschland nur wenige Theater. Es entstand im Baufieber, das die Stadt am Ende der Gründerzeit ergriff. 2010 wird das Drei-Sparten-Haus (Musiktheater, Schauspiel, Tanz) 100 Jahre alt. Mit einer solchen Größe ist man dominant. Natürlich ist das Freiburger Theater das Flaggschiff der kommunalen Kultur (politik) – allein schon wegen seines Bedarfs an öffentlicher Subvention. Die Beziehung zwischen dem Theater und der Stadt, die es trägt, war lange nicht mehr so gut wie zurzeit. Intendantin Barbara Mundel, die zuletzt Chefdramaturgin an den Münchner Kammerspielen war, hat ihren Vertrag bis zum Sommer 2014 verlängert. Das macht eine nachhaltige Arbeit – in einer Stadt, die auf Nachhaltigkeit auch in anderen Bereichen setzt – möglich.

Theater für die Stadt zu machen: Mit diesem Anspruch sind Barbara Mundel und ihr Team vor drei Jahren angetreten. Sie haben ihn wahr gemacht. In Zeiten, in denen die Theater nicht mehr die Tempel des bildungsbürgerlichen Selbstverständnisses sind, müssen sie neue Wege gehen: Vernetzungen suchen mit sozialen und wissenschaftlichen Institutionen, Hineingehen in die Stadtteile, in denen man die Abonnenten mit der Stecknadel suchen muss, Kinder und Jugendliche mit den Möglichkeiten dramatischer Darstellung vertraut machen. Kulturelle Bildung ist hier das politische Zauberwort geworden. Angesichts des umfangreichen Programms für den Nachwuchs – das schon bei den ganz Kleinen beginnt – kann man inzwischen fast schon von einem Vier-Sparten-Haus sprechen; nimmt man das vorzügliche Konzertprogramm des Philharmonischen Orchesters dazu, zählt man fünf.

Vielfalt statt Einheit, Heterogenität statt Homogenität: Man darf das weitreichende und weitgefächerte Angebot des Theaters auch programmatisch verstehen. Wenn es eine kulturtragende Schicht in der Bevölkerung nicht mehr gibt, muss man Angebote für viele verschiedene Publika machen: Da steht die opulente Operninszenierung neben einem Projekt mit krebskranken Jugendlichen, da gibt es die großen epischen Entwürfe wie Döblins „Berlin Alexanderplatz“, Kafkas „Der Prozess“ oder Thomas Manns „Buddenbrooks“ in theatraler Fassung auf der Großen Bühne, Tanz-Performances im Kleinen Haus, da steht die gesellschaftskritische Matinee-Vortragsreihe „Capitalism now“ neben der Auseinandersetzung mit der Türkei, die über ein Gastspiel mit der Bühnenfassung von Orhan Pamuks Roman „Schnee“ in die Partnerschaft mit einem Istanbuler Avantgarde-Theater gemündet ist. Da stemmt das Haus mit allen Kräften, die ihm als nicht großstädtische Bühne zur Verfügung stehen, Richards Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ (alle vier Opern sollen im Jubiläumsjahr im Gesamtpaket zur Aufführung kommen) und denkt zugleich auf der Kammerbühne über die Europäische Verfassung und die Migration nach; da werden alle Sparten in „crossmediale“ Produktionen wie „Peer Gynt“ oder „Der Sturm“ eingebunden und Schüler für Jugendmusicals wie „Flokati“ gecastet.

Das Theater gibt es nicht mehr. Zwischen Bühnenklassikern wie Aischylos’„Orestie“ oder Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ und groß angelegten Kooperationen mit der Universität wie „Pimp your Brain“, zwischen Mozart- und Bettleroper (mit Hartz-IV-Experten), zwischen der Uraufführung von Gegenwartsstücken – mit Felicia Zellers Sozialarbeiterinnendrama „Kaspar Häuser Meer“ hatte das Theater großen überregionalen Erfolg – und Jugendkonzerten muss sich jeder selbst einen Weg durch das Große und das Kleine Haus, die Kammer- und die Werkstattbühne bahnen. Entdeckungsreisen in bisher unbekanntes oder fremd gewordenes Land lohnen fast immer. Erwartungen sind auch dazu da, enttäuscht zu werden – damit man das Neue, das Ungewohnte wahrnehmen kann. Über gewagte Inszenierungen darf gestritten werden. Und nicht alles kann gelingen. Ohne Scheitern keine Kunst – erst recht nicht das kollektive Gesamtwerk, das Theater immer ist. Hauptsache lebendig! Das kann das Theater nicht immer leisten. Aber ohne ihr Theater wäre die Stadt Freiburg um viel Leben ärmer.