Freiburg ist keine
Literaturstadt?
Von wegen! Zwar ist die Literatur in ihrem immateriellen Wesen ort- und heimatlos: Doch um sich zu entfalten, braucht sie so etwas wie ein schützendes Dach und ein produktives Umfeld. In Freiburg ist dies sozusagen auf natürliche Art gegeben: Die Universitätsstadt darf stolz sein auf eine der traditionsreichsten geisteswissenschaftlichen Abteilungen in der deutschen Hochschullandschaft. Walter Benjamin und Hannah Arendt haben hier studiert; Max Weber, Edmund Husserl, Martin Heidegger, Fritz Mauthner, Gerhard Ritter und Walter Eucken haben hier gelehrt. Die Bereitschaft des akademisch gebildeten Publikums, sich mit Literatur zu beschäftigen und auseinandersetzen, ist zweifellos sehr viel stärker ausgeprägt als in anderen Städten vergleichbarer Größe. Großautoren wie Günter Grass und Martin Walser, aber auch Lyriker wie der unvergessliche Ernst Jandl, große alte Damen der Literatur wie die unvergleichliche Ilse Aichinger und (damals noch) Nachwuchshoffnungen wie Judith Hermann füllen hier problemlos das Theater mit seinen 900 Plätzen. Wenn ein eben gekürter Träger des Deutschen Buchpreises wie 2008 der damals in Freiburg lebende Uwe Tellkamp liest, muss die Veranstaltung wegen übergroßen Andrangs ins ehemalige Straßenbahndepot an der Urachstraße verlegt werden. Und wo gibt es und, vor allem, wo hält sich so lange eine Institution wie das Freiburger Literaturgespräch, jenes fast schon legendäre Treffen von einem guten Dutzend Autoren zum Lesemarathon im Rathaus, das, vom ehemaligen Kulturamtsleiter Ludwig Krapf angezettelt, in diesem Jahr in die 23. Runde geht?
Der überaus fruchtbare Boden für Schriftsteller, die Freiburg besuchen, ist das eine. Davon profitieren auch die Autoren, die hier leben. Und sie sind notabene viel wichtiger für das kulturelle Selbstverständnis der Stadt als der ephemere Glanz von außen. Freiburger Schriftsteller – ebenso die in der Stadt ganz stark vertretenen literarischen Übersetzer – sind in den vergangenen Jahren erfolgreicher denn je gewesen, wenn sich der Erfolg nicht an Verkaufszahlen, sondern an literarischen Auszeichnungen bemisst: Der Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzerinnen Swetlana Geier und Ragni Maria Gschwend ist nur eine von vielen. Ob die in dieser Zeit entscheidend verbesserte literarische Infrastruktur dazu beigetragen hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Was den Erfolg eines Buchs bestimmt: Wenn Verlage das wüssten, wäre das Editionsgeschäft vielleicht sicherer, aber viel weniger aufregend. Tatsache ist, dass das von der seit 1988 bestehenden regionalen Autorenvereinigung Literatur Forum Südwest eingerichtete Literaturbüro einen Professionalisierungsschub erfahren hat, seitdem es von der Literaturwissenschaftlerin Stefanie Stegmann geleitet wird. Stegmann, die vorher als Lektorin in der Ukraine gearbeitet hat und daher über blendende Beziehungen zur jungen osteuropäischen Literaturszene verfügt, ist eine Netzwerkerin, wie es sie heute braucht, um den Autoren Bühne und Forum für den (interkulturellen) Dialog zu schaffen.
Allein allerdings könnte das mit nur bescheidenen Finanzmitteln der Stadt ausgestattete Literaturbüro, das sich sein Domizil im „Haus für Film und Literatur“ im Alten Wiehrebahnhof mit dem Kommunalen Kino teilt, die Freiburger Literaturszene nicht bespielen. Ohne das Engagement der – siehe Universitätsstadt – unverhältnismäßig großen Anzahl an Buchhandlungen sähe das literarische Leben Freiburgs ganz anders aus. Allen voran ist Walthari zu nennen. Die Buchhandlung im Dunstkreis von Universität und Theater hat in Kooperation mit dem Theater, wo die Autoren einen würdigen Auftritt haben – früher im Theatercafé, heute im Winterer-Foyer – in ihrer Reihe „Litera-Tour“ im Sommer bereits die 350. Lesung hinter sich gebracht. Die dreihundertfünfzigste! Das Besondere an diesem Dauerbrenner ist die schöne Mischung aus regionalen und überregionalen Autoren. Dass für die Freiburger Literaturschaffenden 2009 mit der Lesereihe „Andruck“ unter Federführung des Kulturamts ein eigenes Forum geschaffen worden ist, das von mehreren Veranstaltern wie dem SWR, der Badischen Zeitung, dem Literaturbüro, LiteraTour und der Stadtbibliothek getragen wird, spricht für sich.
Eine der schönsten Buchhandlungen Deutschlands findet man in der Salzstraße. In der Buchhandlung zum Wetzstein setzen Thomas und Susanne Bader seit mehr als 25 Jahren in erlesener Atmosphäre auf Literatur und Philosophie. Mit vier weiteren renommierten Buchhandlungen in Hamburg, Berlin, München und Köln haben sich die Literaturenthusiasten jetzt zur verschworenen Gemeinschaft der „5plus“ zusammengetan: zwecks Förderung von Individualität und Qualität im Buchhandel. Seine exquisiten Lesungen veranstaltet zum Wetzstein gern in den Räumen des Freiburger Kunstmäzens Alexander Bürkle.
Ein ganz anderes, aber nicht minder markantes Profil pflegt die in der Wilhelmstraße angesiedelte Buchhandlung Jos Fritz. Der Name des badischen Revolutionärs ist Programm: Hier finden Lesungen politischer und gesellschaftskritischer Autoren statt – der ehemalige 68er-Aktivist Klaus Theweleit, der sich als Essayist bis zum Heinrich-Merck-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung hinaufgeschrieben hat, liest aus Traditionsgründen selbstverständlich nur bei Jos Fritz. Die Buchhandlung Schwarz in der Günterstalstraße hat sich auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur verlegt und sich zugleich zur wichtigsten Anlaufstelle für Freiburger Schriftsteller entwickelt. Der Inhaber Michael Schwarz gibt eine eigene Hauszeitung („Lesezeit“) heraus und seine Veranstaltungen folgen sehr deutlich seinem eigenen Verständnis von Literatur. Manchmal kommt es dabei zu prophetischen Verbindungen mit dem Zeitgeist: Den Deutschen Buchpreisträger Uwe Tellkamp hatte Schwarz schon Wochen vor der Zuerkennung ebenso „gebucht“ wie die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller. Die Freiburger Szene in produktivem Austausch mit und nicht, wie jahrelang, in Konkurrenz zum überregionalen Literaturbetrieb: Dieses Konzept wird auch in Zukunft – wer weiß: vielleicht mit einem Literaturhaus – tragfähig sein.
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AUTOREN UND INSTITUTIONEN DIE FREIBURGS LITERATURSZENE PRÄGEN.
Ausgewählt und abgestimmt von Kennern der Szene und verschiedenen Literatur-Institutionen:
AUTOREN
Rosemarie Bronikowski, Thommie Bayer, Dietmar Dath, Evelyn Grill, Martin Gülich, Jürgen Lodemann, Christoph Meckel, Karl-Heinz Ott, Annette Pehnt, Roswitha Quadflieg, Uwe Tellkamp, Klaus Theweleit, Theresa Walser
ÜBERSETZER
Svetlana Geier, Ragni Maria Gschwend, Tobias Scheffel
BUCHHÄNDLER
zum Wetzstein www.buch-wetzstein.de
Schwanhäuser www.schwanhaeuser.de
Jos Fritz www.josfritz.de
Walthari www.bookworld.de
Rombach www.bookworld.de
Schwarz www.buchhandlung-schwarz.de
LITERATURVERANSTALTUNGEN UND INSTITUTIONEN
Freiburger Andruck www.freiburg.de/freiburgerandruck
Literaturbüro www.literaturbuero-freiburg.de
Literaturgespräch www.freiburg.de/literaturgespraech
Litera-Tour www.theater.freiburg.de

